Willkommen im Lande des “ZU” – Florida über alle Maßen

Warum geht hier in den USA eigentlich nix im Normalmaß? Es ist das Land des „ZU“: zu laut, zu viel, zu wenig, zu crazy, zu bunt, zu gut oder eben einfach zu schlecht. Keine andere Nation versteht es, die Dinge in derart höchste Höhen – oder tiefste Tiefen – zu schaukeln, ihnen entweder einen über-heroischen Stellenwert oder als Gegenpol ein tiefschwarzes Zukunftsbild zuzumessen. Alles ist ein Spektakel – im Guten wie im Schlechten.

Nehmen wir exemplarisch das Tagtäglichthema Politik: War die geschichtsträchtige Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten außer einer tatsächlichen Sensation auch ein überbordender Quell amerikanischen Nationalstolzes und tiefster Emotionen, so sind seine politischen Maßnahmen hingegen in den Augen der politischen Gegnerschaft derart radikal-und-grundsätzlich-falsch, dass man hier selbst gemeinhin rational denkende Naturen inzwischen vom „Kommunismus Obamas“ reden hört. Nun mag man diesen Stimmen wohlwollend zugute halten, dass sie in einem Land wie den USA nun wirklich keinerlei praktische Erfahrungen mit dem Kommunismus haben, aber dieses Beispiel zeigt auch sehr schön, wie ansatzlos rationales Denken durch Polemik außer Kraft gesetzt werden kann. Und das Ganze in einer unglaublich flächenbrandartigen Geschwindigkeit, wie es nur ein Medienapparat amerikanischen Ausmaßes vermag. Und – wie immer: blood sells – düstere Vorhersagen verbreiten sich halt nochmal so schnell wie gute. Es ist der alte, ungleiche Kampf zwischen Kassandra-Rufen und Hosianna-Botschaften, von dem die Medienmacher leben.

Dauerspekulationssendungen, als Nachrichtensendungen getarnt, plärren ganztägig aus allen Rohren, will sagen: Fernsehapparaten, die hier dann auch allerorten anzutreffen sind. Keine Bar, kein Restaurant und nur wenige Shops, in denen nicht mindestens drei oder mehr Flimmerkisten an den Wänden hängen und die Kundschaft zwangsberieseln. Da verpasst der geschätzte Zuschauer, der zwischen Bierbestellung, Hamburgerorder, Bezahlen und Essen ein paar flüchtige Blicke auf die Mattscheibe wirft, schon mal den Unterschied zwischen purer Spekulation und recherchierter Nachricht, zwischen Gerüchteküche und journalistischer Berichterstattung. Und ebenso selbstverständlich verpasst er bei T-Shirt-Anprobe oder Golfschlägerkauf, die radikalpolemischen Stakkati, die da so publikumswirksam dauerwiedergekäut werden, zu hinterfragen. Free (information) refill: nachgeschenkt wird kostenlos, Fakten kosten extra. Wie Ketchup.

Ein weiteres gutes Beispiel für diese „himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt“ -Mentalität ist das Raumfahrtprogramm der NASA. Jahrelang kehrte sich hier kaum ein Mensch besonders viel darum, ob, wann oder wie gerade mal wieder amerikanische Astronauten im All rumreisen… Nach dem ersten nationalstolzen Megahypejahren der Raumfahrt im Rausch des (USA-we-are-the-Worldleader-)Machbaren verkam das ganze NASA-Geschehen doch eher zur Alltäglichkeit. Kaum, dass ein Einheimischer noch viel seiner Aufmerksamkeit an Shuttle-Start oder —Landung verschwendet hätte; zumeist waren es letztlich die Touristen, Fremde, Zugereiste, die wussten, wann das nächste Shuttle startete. So daran erinnert, wallte die patriotische Begeisterung in Sekundenschnelle auf – derlei Emotionen haben hier eine besonders kurze Lunte – und dann aber schnell zurück zum Football. Raumfahrt in den Nachrichten: bloß noch eine Randnotiz. Die Normalität des einstmals Unvorstellbaren, die Alltäglichkeit des Außerordentlichen hielt Einzug.

Kaum aber, dass der Präsident das Shuttleprogramm beendet, ist die NASA in aller Munde und Mattscheibe. An unserem ersten Urlaubstag waren wir Zeuge des vorläufig letzten Shuttlestarts und gestern morgen, pünktlich um neun Uhr acht Ortszeit landete das Gefährt mit der knuffigen Schnauze sicher und wohlbehalten am Kennedy Space Center. Mission completed. Diesmal berichteten ausnahmslos alle(!) TVSender gleichzeitig, zeigten Bilder, Originaltonmaterial, lieferten Background-Geschichten, Interviews – alles, was das Berichterstatterherz begehrt. Faszinierend.
Warum entdecken wir die Außergewöhnlichkeit einer Nachricht eigentlich immer erst, wenn’s zuende geht? Das ist wie mit dem Nachbarn (Kollegen, Partner…), der einen über Jahrzehnte nervt, aber der einem fehlt, wenn er plötzlich nicht mehr da ist.
Aber so tickt der Mensch wohl. ZU merkwürdig.

kb.