How to buy a car…Ein Frontbericht

Des Deutschen liebstes Kind – das Automobil. Wir nähern uns diesem Thema nach mehrfachen Einkaufserfahrungen und –erfolgen in Good Old Germany nun erstmals in Florida und erfahren dabei eine ganze Menge Neues über Autoverkäufer, Inklusives und Exklusives, amerikanische Bürokratie und deutsche Gründlichkeit.

 

 

Sie kennen das: Mietwagen. Das sind diese Zusatzbuchungen, die man bei einer Urlaubs- oder sonstwie-Reise „einfach mit dazu bucht“, weil man gar nicht anders kann. Wie, bitteschön, sollte man sonst vor Ort von A nach B kommen, wollte man nicht entweder seine Doktorarbeit auf dem Gebiet des örtlich-öffentlichen Personennahverkehrs schreiben oder kurzerhand den Aufenthalt à la Tom Hanks auf das Flughafengebäude beschränken. Bucht man dies – wie wir – über Jahre hinweg zweimal jährlich über mehrere Wochen oder gar Monate, setzt früher oder später das mathematische Kleinhirn an, das Konzept „Mietwagen“ neu zu überdenken. Und es kommt dabei ziemlich schnell zu dem Ergebnis, dass sich ein eigenes Auto schon vor gefühlten fünfeinhalb Jahren gut gerechnet hätte. Dammit!

Sei’s drum: dann eben jetzt!

Mathematisch gestärkt und tatendurstig laufen wir gleich mal vor die erste Wand: es ist nämlich gar nicht so einfach, als Ausländer hier überhaupt ein Auto zu bekommen. Nicht, weil die alte amerikanische Devise des „nichts leichter als das: WALK IN AND DRIVE OUT“ nicht mehr gälte, nein: als Ausländer ist es ein unglaublicher bürokratischer Akt, eine Versicherung zu ergattern, ohne die – wie in Deutschland – man das Gefährt überhaupt nicht aus der Garage hinausbewegen dürfte.

Nun, all diese Klippen haben uns lediglich zwei Tage gekostet, also wirklich: „nichts leichter als das“. Fortan tingelten wir von einem Autohändler zum nächsten und damit auch von einer Begegnung der dritten Art zur nächsten. Der hiesige Stamm der „Car Dealer“ ist wirklich ein Völkchen für sich (extremer noch als unsere heimatlichen Klischeeträger), das gemeinhin laut palavernd vor den Autohäusern herumlungert und sich gierig auf alles stürzt, was auf zwei Beinen daherkommt und doch tatsächlich meint, sich zunächst einmal in aller Beschaulichkeit einen Überblick über Modelle und Möglichkeiten verschaffen zu können. Nix da: „Hi, I’m Brian“, atmet es mir schon nach wenigen Sekunden in den Nacken, aus dem ich den gegelten Jüngling Marke Schwiegersohn dann auch die nächste halbe Stunde nicht mehr wegbekomme. Wie ein Schatten folgt er uns über den ganzen Parkplatz, kommentiert ebenso munter wie ungefragt alles, was da so rumsteht – ob interessant oder nicht. Und das trotz erklärenden „wir schauen uns nur mal um“ oder – schon zaghafteren – „wir melden uns dann gern bei Ihnen“-Versuchen (inzwischen hat er uns natürlich schon beiden je eine Visitenkarte überreicht). So kennen wir binnen zwölf Minuten die Fahrhistorie aller Gebraucht- und Neuwagen seines Etablissements, haben gefühlte acht mal die (im übrigen äußerst verwirrenden) Garantiebestimmungen heruntergebetet bekommen und bei all dem – leider – noch immer keine Ahnung, ob uns überhaupt eines der Fahrzeuge interessiert.

Nächster Händler. Nächster Versuch. Gleiches Ergebnis.

Nochmal.

Nochmal.

 

Irgendwann fügen wir uns entnervt drein und lassen uns nun endgültig zugrunde beraten. Brian – oder wie immer dieses Exemplar nun heißt – redet wie ein Wasserfall, rattert im Promotion-Stakkato Daten und Fakten atemlos herunter und signalisiert dabei eigentlich nur eines: Kauft! Jetzt! Bei mir! Kundenfragen oder –wünsche lenken eigentlich nur vom Wesentlichen ab: Kauft! Jetzt! Bei mir! Alles andere interessiert (ihn) nicht.

Wir lernen dabei folgendes: Standards wie Erste-Hilfe-Set, Warnweste oder Reserverad sind durchaus keine Standards und schon gar nicht Basisausrüstung. Was nicht ausdrücklich erwähnt ist, ist auch nicht drin. Klar, kann man das zusätzlich kaufen, no problem! Die Preise für diese Kleinteile variieren dann von teuer bis unverschämt und lassen sich auch nicht als kundenfreundliche Zugabe raushandeln – schon gar nicht bei Brian.

Gerädert und ziemlich abgefreut beenden wir den ersten Einkaufstrip, doch auch der zweite am nächsten Tag soll nicht wirklich mehr Freude bringen. Wir haben mittlerweile tatsächlich zwei Autos aus dem ganzen Informationswust herausfiltern können, die uns interessieren. Wir beschränken also unsere Offensive auf jene zwei Händler, und natürlich ist Brian wieder mit von der Partie.

Durch stereotypes „Okay. Okay. Okay.“ in Verbindung mit höchst wohlerzogenen „Certainly. Yes. Of Course.“ und noch mehr Mam’s und Sir’s (ich sagte es schon: Typ Schwiegersohn) gibt er uns das Gefühl, nun doch in guten Händen zu sein. Uff!

Die Probefahrt verläuft zufriedenstellend – wenngleich ich es schon etwas gewöhnungsbedürftig finde, wenn mir in meinem Alter noch jemand im übereifrigen Beratungsrausch den Schalter für die Scheibenwischer und den Fensteröffner zeigt und mir dann erklärt, wie ich den Innenspiegel durch einfaches Anfassen verstellen kann. Oups! So was haben wir drüben in Deutschland wirklich noch nie gesehen! Und in den etwa fünfzehn Autos meines Lebens gab es eigentlich überhaupt keine Spiegel…. Nun ja – ein bisschen viel des Guten halt.

Schwiegersohn Brian muss sich aber noch etwas gedulden, bis wir tatsächlich zur Unterschrift schreiten. Schließlich haben wir ja noch ein zweites Fahrzeug im Visier – was Brian seit zwei Stunden auch weiß. Und nun macht er gleich drei entscheidende Fehler:

Erstens – er geht beinhart und stursteif keinen noch so halben Cent von seinem Listenpreis runter; er ist sich offenbar ganz sicher, uns am Händlerhaken zu haben.

Zweitens – knallt er nun aus genau diesem Grund plötzlich eine bisher nicht erwähnte Händlergebühr von schlappen fünfhundert(!) Dollar obendrauf (also etwa 350 Euro, wohlgemerkt plus Steuer), die einfach mal so vom Händlerhimmel in seinen Schoss fallen sollen.

Drittens – verlangt er eine „Reservierungssicherheit“, wenn wir das Auto jetzt nicht sofort kaufen, sondern erst am Nachmittag (weil wir uns ja noch das andere Fahrzeug anschauen wollen). Stolze 300 Dollar möchte Brian von uns haben, um das Fahrzeug ein paar Stunden lang nicht zu verkaufen – und tut dabei so, als ständen die Käufer Schlange… tun sie aber nicht. Na gut, letztlich lassen wir uns drauf ein: Das Geld wird hinterlegt, wir bekommen eine Quittung und verabreden uns für später – entweder wir kaufen, oder wir bekommen das Geld zurück.

Alles gut. Auf zum nächsten Schwiegersohn.

 

Der ist eher Modell Schwiegervater, sehr betulich und old-fashioned, eine angenehme Abwechslung im Haifsichbecken seiner gleichermaßen jüngeren wie aufdringlichen Heißspornkollegen. Wir klammern uns also an Schwiegervater Rick und machen eine Probefahrt. (Rick erklärt uns dann auch diesen geheimnisvollen Hebel, mit dem man den Sitz nach vorne schieben kann. Auch den haben wir in Deutschland bestimmt nicht! Aber immerhin traut er mir schon zu, ohne weitere Anleitung das Handschuhfach zu bedienen.)

 

Kaffeepause. Nachdenken.

Wir entscheiden uns für Auto Nummer 2. Angelegentlich betrachten wir die Quittung für die 300-Dollar-Reservierung, die es ja nun bei Händler Nummer 1 wieder abzuholen gilt und entdecken ein klitzeklitzekleines „non-refundable“ auf dem Papier – also ein „nicht erstattungsfähiger“ Betrag?? Sollte unser Freund Brian der Lächler uns eiskalt über den Tisch des Hauses gezogen haben? Sollten wir ihm gerade 300 Dollar in den lächelnden Verkäuferrachen geschoben haben – gleichgültig, ob wir das Auto kaufen (was wir jetzt garantiert nicht mehr wollen) oder nicht?

Nun, Brian diskutiert nicht wirklich lange über „refundable“ oder „non-refundable“ – immerhin. Aber die drei Scheine, die wir ihm rübergereicht haben, die kann er uns „leider, leider“ nicht wieder zurückgeben. Die Frage, was mit ihnen passiert ist, kann er uns „leider, leider“ auch nicht beantworten. Aber er kann uns einen Scheck geben (im Augenblick sei nur niemand da, ihn zu unterschreiben). Ein Scheck nützt uns – dies sei beiläufig bemerkt – nichts, weil wir hier kein Bankkonto haben und es sich (natürlich!) nicht um einen Barscheck handelt. Das geht nämlich „leider, leider“ auch nicht. Wir müssten also den Scheck mit zurück nach Deutschland nehmen und ihn dort gegen Abzug von nicht unerheblichen Gebühren einlösen. So ein Blödsinn!

Aber: Scheck ist besser als kein Scheck, also her damit!

 

Schwiegervater Rick hat inzwischen alles vorbereitet – niemand hat uns allerdings gewarnt, dass es etwa 25(!) Unterschriften zu leisten und zusätzlich etwa 30(!) Belehrungen durch kurzen Vermerk zu bestätigen gilt. Immerhin ist die Sache mit dem Kennzeichen erfrischend einfach: Man fährt mit Übergangskennzeichen vom Hof, das richtige kommt in den nächsten Tagen per Post. Kein Verkehrsamtsbesuch, kein erneutes Schlangestehen. Prima.

Die unglaubliche Bürokratie raubt aber dem so simpel klingenden „WALK IN AND DRIVE OUT“-Prinzip nun final den Glanz, und selbst die einfache Bitte nach einem Ausdruck der Fahrzeugspezifikationen löst einen Tsunami an Schwierigkeiten aus. Das Fahrzeug ist im Internet gelistet – was wäre einfacher, als dieses Angebot einfach auszudrucken? Ich dachte bisher, das könnte selbst meine Oma, doch hier geht so was Exotisches gar nicht. Oder Rick hat keine Oma. Auf jeden Fall wird schlussendlich auf höchst umständliche Weise eine Photokopie des Verkaufsschildes gemacht, das im Auto hing (genauer gesagt sind es vier Kopien, auf denen jeweils nur ein Teil der Informationen Platz findet, aber egal: wir basteln uns das zusammen!). Du meine Güte!

 

Sind wir Deutschen denn wirklich so schrecklich penibel, gründlich und gut organisiert, wie man uns immer vorwirft? Oder bin das immer nur ich, die derartige Betriebsverstopfungen als unsagbar nervig empfindet?

Ich finde die Vorstellung ziemlich erschütternd, dass ein so fortschrittliches, großartiges Land wie Amerika, in dem nahezu alles mittels Durchziehen einer Kreditkarte möglich ist, an ein paar Photokopien, einem Stapel Formulare und altmodischen Scheckvordrucken ersticken könnte.

 

Doch natürlich ist all das schnell vergessen, als wir in unserem schnieken neuen Auto nach Hause gondeln – den Kofferraum voller Erfahrungen und neuer Geschichten. Übrigens inklusive Erste-Hilfe-Set und Reserverad! Zwei Deutsche mit ihrem neuen liebsten Kind: einem mittelgroßen Wagen im Big-Boys-Big-Trucks-Adventure-Land…

© 2011 kb

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