Rough Times #1 : Verlierer

Fünf Minuten früher und alles wäre gut gewesen! Fünf Minuten, und wir hätten zusammen über die frisch gemähten, sonnenbeschienenen Fairways unserer Clubanlage ziehen und den Tag genießen können…

Ich spiele hinter Ihnen mit Schulze. Auch “Schulze, der Schummler” genannt. Keiner spielt gerne mit ihm – ich auch nicht – aber ich übe offensichtlich eine magnetische Anziehungskraft auf ihn aus. Kaum erreiche ich das erste Tee, zack!, taucht Schulze auf. Es ist zum Verrücktwerden.

Gerade ziehen Sie mit Meier und Mittmann entspannt davon, Ihr gemeinsames Lachen ist wie Spott in meinen Ohren – Schulze. Ausgerechnet Schulze und ich!

 

Im Verlauf dieser unentspannten und spaßbefreiten Samstagsrunde sehe ich Schulzes rechts oder links rausgedroschene Bälle auf wundersame Weise wieder am Fairwayrand auftauchen (natürlich im Kurzgeschorenen) – Orte, die sie allerhöchstens auf dem Weg in die unendlichen Weiten des Nirgendwo überflogen haben können – und Schulze schummelt sich mal wieder den Weg zu einer sagenhaften 76er Runde.

Vier Stunden Schulze, und Sie fragen sich, warum Sie Golf spielen –
nein, eigentlich fragen Sie sich die ganze Zeit, warum ER Golf spielt!

Wissen Sie, in privaten Runden soll’s mir ja eigentlich egal sein. Ich hab’ einfach keine Lust, mich über solche (ja nicht unüblichen) Kandidaten aufzuregen oder meine wenige Zeit auf dem Platz mit Streitgesprächen zu verbringen. Allerdings beneide ich Sie um Ihre Flightpartner: erstens schummeln die nicht und obendrein sehen die auch noch besser aus als der Kollege neben mir. (Ein nettes Gesicht am oberen Ende des Flightpartners schadet ja auch nicht, darf ich als Frau mal so sagen, oder?)

Schummel-Schulze hat jedenfalls noch nicht begriffen, dass er trotz seiner legendären Turniergewinne und Preisabräumereien der ungekrönte Maximal-Verlierer des Clubs ist: Zuerst verliert er nur Bälle (wie wir alle). Doch dann – beim heimlichen Droppen, Zurückkicken, Besserlegen und seinen nichtgezählten Luftschlägen – verliert er jeglichen Anstand. Wenn er dann auch noch erwischt wird, verliert er sein Gesicht und obendrein spontan die Beherrschung. Einst von uns Flightpartnern bei einem Turnier auf frischer Tat ertappt, beschimpfte er uns lautstark als “Kollegenschweine” und “Neidhälse”, ja: als “schlechte Verlierer”…

Nun gut, damit hätte er dann ja als letztes auch noch allen Respekt seiner Mitspieler verloren. Maximal-Verlierer. Sag ich ja.

Ach, und die 76 war eigentlich 102. Nur für’s Schummelprotokoll.

 

[Diese Kolumne erschien im Magazin GOLF IN HAMBURG des Golfverbandes Hamburg e.V. – Ausgabe 5/2016]